Vom Krieger zum Eber Bajie
Ich knie unter hunderten von anderen Terrakotta-Kriegern aus der Qin-Dynastie, Speer und Schild in der Hand, konzentriert und wachsam. Sobald der Vorhang fällt, flitze ich in den Schnell-Umziehraum und entledige mich eilig meiner Bewaffnung. Ich stopfe mich selbst in meinen „Dicken-Anzug“ und in die Kleidung mit Übergröße. Dann schaue ich noch rasch in den Spiegel und begebe mich zur Seitenbühne, um dort zu warten.
Die chinesische Flöte spielt ein bekanntes Vorspiel, das ist kurz, bevor der Vorhang aufgeht. Wenn er dann aufgeht, setze ich mir selbst ein möglichst dummes Aussehen auf und stolpere als Eber Bajie, eine tollpatschige Figur aus der klassischen chinesischen Erzählung „Reise in den Westen“, auf die Bühne.
Das sind zwei der neuen Tänze, mit denen wir zurzeit im National Arts Centre in Ottawa, Kanada, auftreten. Jedes Jahr gibt es eine neue Programmserie und es scheint jedes Jahr so, dass die Anforderungen höher werden, sei es in Bezug auf die Tanztechniken oder die Porträtierungen von verschiedenen Charakteren. Für mich ist dieses Jahr im Vergleich zu den Vorjahren das anspruchsvollste, da ich innerhalb kurzer Zeit zwischen so vielen verschiedenen Rollen wechseln muss. Doch je öfter ich diese Tänze auf der Bühne darbiete, umso mehr erlebe ich die Reichhaltigkeit der traditionellen chinesischen Kultur und die Aufführung wird zu einem Bildungsprozess für das Publikum wie auch für mich selbst.
Wenn wir schon vom Publikum reden: Wir hatten bis jetzt in Kanada nur vier Aufführungen, doch die Reaktion war unglaublich. Wir befinden uns mitten in der Ferienzeit und trotzdem war der Zuschauerraum fast voll und den Kritiken nach haben ihnen die Vorstellungen wirklich gefallen. Dies ist wieder ein sehr ermutigender Start in eine neue Saison.
Und ganz zum Schluss wünsche ich Ihnen noch ein frohes neues Jahr!
Gary Liu
Tänzer
4. Oktober 2026
