Die Geschichte von Liang und Zhu
Die Geschichte von Liang und Zhu, eines der bekanntesten Volksmärchen Chinas, kann über tausend Jahre und mehr zurückverfolgt werden. Ein bescheidener junger Scholar, der gutherzige und bescheidene Liang Shanbo, und die Tochter einer wohlhabenden Familie, die reizende und entschlossene Zhu Yingtai, sind die beiden Seelenverwandten, die durch diese Geschichte aus der Östlichen Jin-Dynastie (317–420 n. Chr.) miteinander verbunden sind.
Bücher sind nur für Jungen?
Im alten China hatten Männer und Frauen getrennte Bereiche und hielten
die Konventionen ein, die ihnen die Gesellschaft vorgab. Wenn es an
der Zeit war, arrangierten die Eltern die Ehe. Sie betrachteten den zukünftigen Partner aus vielen Blickwinkeln und baten einen erfahrenen
Heiratsvermittler um Hilfe.
In dieser Geschichte ist die wohlhabende Familie Zhu von einem solchen Schlag. Die Eltern haben ihre Tochter zu einer perfekten Debütantin erzogen und sind bestrebt, ihr ein wunderbares Gegenüber zu finden. Tochter Yingtai ist zu einer schönen jungen Dame herangewachsen, doch neben ihren strahlenden Augen und ihrem zarten Lächeln hat sie einen intellektuellen Geist und ein entschlossenes Herz. Stickereien und Ähnliches sind schön, aber Yingtai ist am glücklichsten, wenn sie ihre Nase in eine Bambusrolle stecken kann.
Eines Frühlingstages, als der prächtige Zhu-Hof in voller Blüte steht und die Schmetterlinge von Blüte zu Blüte flattern, trifft Yingtai auf ihre ehrwürdigen Eltern und beschließt, dass es ein guter Zeitpunkt ist, ihnen ihr Anliegen vorzutragen.
„Liebe Mutter, lieber Vater, bitte lasst mich die Akademie besuchen. Ich möchte die literarischen Künste und die Fünf Tugenden studieren, um den alten Weisen zu folgen und …“
„Yingtai, sei nicht albern! An den Akademien sind nur Jungen“, sagt ihre Mutter. „Sei nun lieb und mach dich bereit, jemanden ganz Besonderes zu treffen. Die Dienstmädchen warten darauf, dich herzurichten.“
Yingtai ist misslaunig, während die Dienstmädchen sich mit geschickten Händen um sie kümmern. Und das gerade noch rechtzeitig, denn der Gast der Eltern ist angekommen – eine professionelle Heiratsvermittlerin, die beste und erfahrenste im Land.
Yingtai schaut an der exzentrischen Dame vorbei und ist darüber schockiert, wen sie mitgebracht hat – der heiratsfähige Junggeselle ist wahrscheinlich der lächerlichste Kerl, den sie je gesehen hat. Yingtai sieht keine Notwendigkeit, eine Beurteilung abzugeben, und gibt dem Burschen unverzüglich eine Null für Intelligenz, Muskelkraft und Aussehen.
„Die Schule oder dieser Kerl?“, denkt Yingtai, „das kann doch nicht euer Ernst sein!“ Mit einer kleinen List, bei der sie eine plötzliche Krankheit vortäuscht, vereitelt sie den Plan der Eltern und schickt die Heiratsvermittlerin und den armen Trottel weg.
Yingtai der Scholar
Nach diesem Erlebnis ist Yingtai noch entschlossener, zur Schule zu gehen. Sie tarnt sich als junger
Mann und schleicht sich nachts davon. Doch die Reise ist lang, und zum
Glück trifft sie auf einen Scholar, der auf dem Weg zur selben Akademie ist – einen netten Kerl, der sich ihr als Reisebegleiter
anbietet. Der Bursche durchschaut Yingtais Verkleidung nicht
und denkt, er begleite nur einen weiteren neuen Jungen zur Schule.
Auf der Akademie werden Yingtai und ihr neuer Freund Liang Shanbo Tisch- und sogar Zimmergenossen. Im Gegensatz zu Yingtai stammt Liang Shanbo nicht aus einer sehr wohlhabenden Familie. Doch als ihre Verbundenheit wächst, werden die beiden zu eingeschworenen „Brüdern“. Drei Jahre lang lernen sie gemeinsam fleißig. Die ganze Zeit über achtet Yingtai geflissentlich darauf, ihre wahre Identität nicht preiszugeben, und Liang Shanbo kommt ihr nicht auf die Schliche.
Junge, Junge!
Eines Tages macht sich Vater Zhu, der endlich herausgefunden hat, was wohl
passiert war, auf den Weg zur Akademie und fordert seine Tochter auf, zurückzukehren. Die Heiratsvermittlerin hat mehrere geeignete
Junggesellen gefunden, und die Eltern wollen sie ihr vorstellen. Yingtai
hat keine andere Wahl, als nach Hause zu eilen. Sie behält ihr Geheimnis
immer noch für sich und fleht Liang Shanbo an, sie zu besuchen. Erst dann ahnt Liang, dass etwas nicht stimmt.
Liang kommt inmitten geschäftiger, festlicher Vorbereitungen im Haus der Familie Zhu an. Er informiert den Pförtner, dass er seinen Klassenkameraden, den jungen Herrn Zhu, besuchen möchte, doch dieser sagt ihm, dass nur eine junge Frau Zhu in der Residenz wohne.
Als Yingtai erscheint, ist sie überglücklich, Liang zu sehen, und weist die Schar der konkurrierenden Junggesellen ab. Liang hingegen ist verwirrt, seinen besten Kumpel in Frauenkleidern zu sehen. Aber dann fangen die Groschen an zu fallen – all die kleinen Eigenarten und Ereignisse der letzten drei Jahre.
Was für eine Überraschung! Schockiert über seine eigene Ahnungslosigkeit und sprachlos vor Freude, sieht Liang seinen Kumpel nun in einem ganz neuen Licht.
Der Shen-Yun-Tanz „Die Legende von Liang Zhu“ aus dem Programm 2019 ist inspiriert von einem der vier großen chinesischen Volksmärchen: Die Schmetterlingsliebenden oder Liang Shanbo und Zhu Yingtai.
