Der daoistische Meister Zhang Guolao: Der exzentrische Unsterbliche, der rückwärts ritt
Unter nebelverhangenen Gipfeln trottet ein Esel mit einem alten Mann auf seinem Rücken einen schmalen Pfad entlang. Er sitzt jedoch rückwärts, sodass er dem Schwanz des Tieres zugewandt ist. Dorfbewohner beobachten ihn verwundert, als er in zerlumpten Kleidern und mit einem sanften, unbeschwerten Lachen an ihnen vorbeigeht. Das ist Meister Zhang Guolao, einer der acht Unsterblichen des Daoismus. Es heißt, dass diese legendären Gestalten auf ihre ganz eigene Weise Erleuchtung erlangt haben.
Von allen acht Unsterblichen wurde Meister Zhang in der chinesischen Kunst und Literatur am häufigsten dargestellt. In unzähligen Nacherzählungen entstand das Bild eines archetypischen daoistischen Unsterblichen: weise, skurril und frei von den Zwängen des alltäglichen Lebens.
Ein geheimnisvoller Weiser
Während der Tang-Dynastie – etwa im siebten oder achten Jahrhundert – verbreitete sich die Kunde von einem weisen und fröhlichen daoistischen Einsiedler, der durch die Täler streifte. Als die Kunde von seinen guten Taten und seinen Wunderkräften die Hauptstadt erreichte, suchten mehrere Tang-Kaiser seinen Rat. Doch Meister Zhang lehnte jede Einladung ab und zog die Einsamkeit in den Bergen vor.
Selbst die gefürchtete Kaiserin Wu Zetian konnte ihm keine Befehle erteilen. Als er aufgefordert wurde, vor ihr zu erscheinen, soll er auf dem Weg zusammengebrochen und „gestorben“ sein. Sein Körper verweste innerhalb weniger Stunden. Kurz darauf entdeckten Reisende ihn jedoch quicklebendig und wohlauf in den Bergen. Für Meister Zhang war der Tod nur eine weitere Illusion, die er nach Belieben ablegen konnte.
Jahre später bat ihn Kaiser Tang Xuanzong inständig, den Palast zu besuchen. Diesmal willigte Meister Zhang ein und ritt auf seinem magischen Esel zum Palast. Es heißt, dass das Tier an einem Tag tausend Kilometer zurücklegen konnte. In der Hauptstadt angekommen, verwandelte der Unsterbliche den Esel auf magische Weise in ein Stück Papier, faltete es zusammen und steckte es weg.
Im Palast fand der Kaiser seinen Gast sowohl amüsant als auch rätselhaft. Als er zum Trinken aufgefordert wurde, wies Meister Zhang darauf hin, dass er selbst nur wenig Wein vertrage, er aber einen „Schüler“ habe, der viel mehr trinken könne. Er klatschte in die Hände und von den Dachsparren des Palasts stieg ein junger Mann herab. Dieser trank einen Becher nach dem anderen, bis er sich zur Verwunderung aller plötzlich in einen goldenen Kelch verwandelte, der bis zum Rand mit Wein gefüllt war. Meister Zhang lachte leise: „Mein Schüler ist zu dem geworden, was er getrunken hat.“
Nachdem er den Kaiserhof unterhalten hatte, holte der alte Unsterbliche den kleinen Papieresel aus seiner Tasche. Mit einem sanften Atemhauch erweckte er den Esel zum Leben. Meister Zhang lenkte daraufhin den Kaiser und seine Höflinge ab, verabschiedete sich vom Palast und flog auf seinem Esel in die Wolken davon. Sein Lachen verhallte im Wind.
Warum rückwärts?
Auf Gemälden und Skulpturen ist Meister Zhang auf den ersten Blick zu erkennen: ein fröhlicher alter Mann, der rückwärts auf seinem Esel reitet. Diese Darstellung wirkt skurril und humorvoll, hat jedoch eine tiefgründige Bedeutung.
Indem er rückwärts reitet, wendet er sich vom Lärm ab, der durch Ehrgeiz und das Streben nach persönlichem Gewinn entsteht. Er bewegt sich gegen den Strom der Welt und erinnert uns daran, dass der Weg zur wahren Freiheit nicht im weltlichen Streben, sondern im Loslassen liegt – in der Rückkehr zur Einfachheit, zur Stille und zur ursprünglichen Reinheit.
Diese klassische Geschichte wird in Shen Yuns Tanz „Die Legende von Meister Zhang Guolao“ aus dem Jahr 2026 nacherzählt.
