Ein fast verlorenes Kulturerbe
Die chinesische Zivilisation wurde seit Jahrtausenden von der Überzeugung geprägt, dass das Leben von der Harmonie zwischen Himmel, Erde und Menschen geleitet werden sollte.
Dieser Glaube war nicht abstrakt. Er prägte das tägliche Leben – vom Familienhaushalt bis zum kaiserlichen Hof. Ein Kind lernte beispielsweise, seine Eltern zu ehren. Von einem Herrscher wurde erwartet, dass er mit Tugend regierte. Ein Künstler strebte nicht nur nach der Schönheit der Form, sondern auch nach der Reinheit des Herzens.
Das war die Welt der traditionellen chinesischen Kultur. Ihre Grundlagen wurden vom Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus geprägt. Diese lehrten, dass Tugend und Moral von Bedeutung sind, dass Gut und Böse Konsequenzen haben und dass das menschliche Leben mit etwas Höherem verbunden ist.
Über viele Dynastien hinweg fand diese Weltanschauung in den Künsten Chinas ihren Ausdruck. So konnte ein Gedicht den Zustand der Seele eines Menschen offenbaren. Ein Gemälde konnte die Weite der Natur und die Kleinheit des Menschen andeuten. Ein Tanz konnte Mut, Anmut, Humor oder spirituelle Sehnsucht ausdrücken, ohne dass ein Wort gesprochen wurde.
Diese traditionellen Ideale verliehen dem Neujahrsfest, den Bräuchen der Vorfahren, den heiligen Bergen und Tempelglocken sowie den von Generation zu Generation weitergegebenen Geschichten Bedeutung. In diesen Geschichten wurden Helden auf die Probe gestellt, Weisen erschienen an bescheidenen Orten und gewöhnliche Menschen standen vor der Wahl zwischen Selbstsucht und Rechtschaffenheit.
Dies ist die kulturelle Welt, die Shen Yun wieder zum Leben erweckt hat. Doch warum musste sie wiederbelebt werden?
Eine unterbrochene Zivilisation
Im Jahr 1949 kam die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) nach Jahrzehnten des Krieges und der Umwälzungen an die Macht. Von Anfang an war es ihr Ziel, nicht nur China zu regieren, sondern auch das chinesische Volk neu zu formen.
Die traditionelle Kultur stand diesem Vorhaben im Weg.
Die KPCh versuchte, traditionelle Ideale sowie die Loyalität gegenüber Familie und Integrität durch absolute Hingabe an die Partei und ihre revolutionäre Ideologie zu ersetzen. Während das traditionelle chinesische Denken die Harmonie zwischen Himmel, Erde und Menschheit betonte, lehrte die KPCh den Kampf.
„Gegen den Himmel zu kämpfen ist eine unendliche Freude. Gegen die Erde zu kämpfen ist eine unendliche Freude. Gegen die Menschen zu kämpfen ist eine unendliche Freude.“
— Mao Zedong, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas
Die Landreform und die Kollektivierungskampagnen in den 1940er- und 1950er-Jahren zerstörten die traditionelle Agrargesellschaft. Maos „Großer Sprung nach vorn“ im Jahr 1958 führte zu einer katastrophalen Hungersnot, der bis zu 40 Millionen Menschen zum Opfer fielen.
Religiöse Institutionen wurden unter staatliche Kontrolle gestellt. Mönche und Nonnen wurden in das weltliche Leben gezwungen. Die klassische Bildung wich dem politischen Studium. Schulen und Künstler mussten politischen Zielen dienen. Kunst, die einst moralische Werte und spirituelle Bedeutung thematisierte, wurde fortan nur noch danach beurteilt, ob sie der Revolution diente.
Der gewaltsamste Angriff auf Chinas altes Kulturerbe erfolgte während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976: Mao rief die Jugend dazu auf, gegen die Tradition zu rebellieren. Im Rahmen der Kampagne zur Vernichtung der „Vier Alten“ – alte Ideen, alte Kultur, alte Bräuche und alte Gewohnheiten – fegten die Roten Garden über das Land hinweg.
Tempel wurden geplündert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Statuen von Buddhas, taoistischen Gottheiten und Konfuzius wurden zerschlagen. Klassische Bücher und Familienchroniken wurden verbrannt. Ahnenhallen wurden geschändet. Die Menschen, die einst Chinas Gelehrsamkeit und Traditionen bewahrt hatten – darunter Intellektuelle und Ordensleute –, wurden verfolgt, inhaftiert und in vielen Fällen ermordet.
Wenn ein Tempel zerstört wird, geht mehr als nur ein Gebäude verloren: Ein Ort der Verehrung, der Geschichte und der spirituellen Bedeutung verschwindet mit ihm. Wenn Bücher verbrannt werden, gehen auch die Ideen, Werte und Erinnerungen, die sie in sich tragen, in Rauch auf. Eine ganze Generation wurde von der Vergangenheit abgeschnitten. Dies war der große Bruch in der chinesischen Zivilisation.
Nach dem Ende der Kulturrevolution kehrten einige äußere Formen der traditionellen Kultur allmählich zurück. Einige Tempel wurden instand gesetzt, einige Feste fanden wieder statt und einige alte Symbole wurden erneut gezeigt. Doch unter kommunistischer Herrschaft blieben diese äußeren Formen oft losgelöst von den spirituellen Überzeugungen und moralischen Werten, die ihnen einst Leben eingehaucht hatten – das Wesentliche war verloren gegangen.
Shen Yuns Slogan „China vor dem Kommunismus“ zielt darauf ab, der traditionellen Kultur, die fast vollständig zerstört wurde, neues Leben einzuhauchen und so eine Zivilisation vor dem Aussterben zu bewahren.
Was es bedeutet, „eine Kultur wiederzubeleben“
Eine Kultur wiederzubeleben, ist etwas anderes, als ein Kulturgut zu bewahren. Eine Vase kann in einem Museum ausgestellt werden, Kultur selbst jedoch wird gelebt. Sie erfordert Bewegung und Menschen, die ihre innere Bedeutung verstehen, um sie weiterzutragen. Genau das ist die Mission von Shen Yun.
Das Ensemble greift auf traditionelle Formen wie den klassischen chinesischen Tanz, Musik und Kostüme zurück. Die äußere Schönheit ist wichtig, denn sie versetzt das Publikum augenblicklich in die Welt des traditionellen Chinas. Schon die Bewegungen einer Tänzerin, der Klang der Erhu, das Schwingen eines langen Ärmels oder das Bild eines im Nebel versunkenen Bergtempels können eine ganze kulturelle Welt heraufbeschwören.
Für Shen Yun geht es bei der Wiederbelebung jedoch um mehr als nur historische Genauigkeit oder visuelle Schönheit. Die Künstler möchten diese Ausdrucksformen durch die Werte zum Leben erwecken, die die traditionelle chinesische Kultur selbst geprägt haben.
Im klassischen chinesischen Tanz verbindet sich technisches Können mit innerer Haltung. Das bedeutet, dass die Tänzerin die Werte, die sie darstellt, auch verkörpern und leben muss.
Beim Geschichtenerzählen werden alte Legenden zu einem Mittel, um über Mut, Loyalität, Mitgefühl und moralische Entscheidungen nachzudenken. In Musik und Inszenierung soll Schönheit nicht nur beeindrucken, sondern auch erheben.
Deshalb ist die Arbeit von Shen Yun sowohl künstlerisch als auch kulturell. Sie betrachtet Tradition nicht als etwas Fernes oder in der Vergangenheit Erstarrendes. Sie ermöglicht es dem Publikum, sie als etwas Lebendiges zu erleben – getragen von Künstlern, die daran glauben, dass Spitzenleistung auf der Bühne mit der Kultivierung des Herzens beginnt.
29. Oktober 2026
